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Was ist eigentlich Gerechtigkeit?

1. Was fällt Ihnen zu dem Begriff Gerechtigkeit spontan ein?

"Gleichheit", "Urteilsspruch", "Strafe", "Gericht", "keine Benachteiligung", "Ordnung", "Verlaß", "Menschenrechte".

Gerechtigkeit ist eine der wichtigsten Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens. Wenn sie fehlt, ist Streit oder Unterdrückung schon vorprogrammiert. Auch Kinder sind diesbezüglich sehr empfindsam. Wer will schon benachteiligt sein? Jedem das, was ihm zusteht. "Ich will ja nur mein gutes Recht", sagt jemand und vergleicht, was andere entsprechend an Vorteilen haben.

Gerechtigkeit ist ein hohes Gut und ein den Umständen gemäßes, korrektes Verhalten anderen Menschen gegenüber.

Das Standbild der "Justitia" vor manchen Gerichtsgebäuden drückt Gerechtigkeit im Bild aus: Waage, Schwert und Augenbinde.

Die Waage symbolisiert Sorgfalt und Genauigkeit, die Augenbinde ein Urteil "ohne Ansehen der Person" und das Schwert eine angemessene Strafe für offenkundige Schuld.

So wird Gerechtigkeit auf rein zwischenmenschlicher Ebene betrachtet, und wo sie fehlt, so denkt mancher, muß sie notfalls mit Gewalt eingeführt werden.

2. Wie sieht die Bibel ein solches Verständnis?

"Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden." 1 Man könnte fast meinen, daß Jesus Christus mit diesem Satz generell jeder Sehnsucht nach gerechten Verhältnissen Erfolg verspricht. 2 Dem ist jedoch nicht so.

Das Beispiel eines "rechten" Winkels eröffnet dabei einen wichtigen Gesichtspunkt: Mit 90° ist ein Winkel ein "rechter". Dies ist der Fall, wo Horizontale und Vertikale sich schneiden.

So ist auch das Irdische recht, wenn es im "rechten Verhältnis" zum Göttlichen steht, oder besser: Wenn Gottes Wille auf unser Leben zutrifft, dann ist es recht. Der gerechte Gott setzt Recht. Er offenbart es den Menschen, so daß dieser von daher recht leben kann.

3. Welches Recht hat Gott denn unter den Menschen eingesetzt?

Das erkennt man am besten am Zusammenleben des Volkes Israel im Altertum. Den Menschen war z. B. von Gott geboten, die Eltern zu ehren, nichts zu stehlen, niemanden zu belügen oder zu überfallen und zu morden, keine Ehe zu brechen und niemanden zu beneiden. 3 Was die Ökologie betraf, so hatte Gott ein Ruhejahr für den Ackerboden angeordnet.4 Im Blick auf die Besitzverhältnisse erklärte Gott jedes fünfzigste Jahr zu einem Schulden-Erlaßjahr 5 , und Fremden im Lande wurde volles Wohn- und Arbeitsrecht gewährt.6 Alten Menschen sollte ehrfurchtsvoll begegnet werden 7 , Inzucht 8 , Homosexualität 9 und Spiritismus 10 sollten gemieden werden. Und damit sogar einem Totschläger noch die Möglichkeit zu einer gerechten Verhandlung blieb, konnte er in eine Freistadt fliehen. 11

Jesus Christus hat das Recht Gottes so zusammengefaßt: "Du sollst Gott von ganzem Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst." 12

Jeder Mensch, der sich ehrlich um die Einhaltung von Gottes Recht bemüht, muß seine eigene Unzulänglichkeit erkennen. Bei jedem Rechtssatz Gottes tritt nur um so mehr die sündige Natur des Menschen hervor. 13

4. Wer kann denn vor Gott bestehen?

Der eifrig-fromme Aktivismus der Pharisäer reichte nicht aus. Die Opfer, die sie brachten, zeigten doch offenkundig ihr Sündenbewußtsein. Ihre Gerechtigkeit war nicht gut genug. Gerade an ihnen wird klar: Das sündige Wesen muß von Grund auf erneuert werden.

Die "bessere Gerechtigkeit" 14 ist eine Gerechtigkeit, die vor Gott bestehen kann und die von Gott selber kommen muß, weil kein Mensch sie von sich aus hat. Wer Gott also recht sein soll, muß von ihm selbst gerechtgemacht worden sein. Geschenkweise! 15

"Hungern und dürsten nach Gerechtigkeit" 2 heißt, den entscheidenden eigenen Mangel vor Gott zu erkennen und dies im Gebet zu Gott bewußt auszudrücken.

Wer z. B. beim Lesen der Bergpredigt seine eigene Unzulänglichkeit als Verlorenheit erkennt und dann nichts relativiert, sondern ehrlich nach einer Lösung fragt, darf die Erlösung annehmen, und so besteht er vor Gott. 16

5. Ist das dann nicht eine "billige" Gerechtigkeit?

Wenn in einer Klasse sämtliche Schüler bei einer Prüfung durchgefallen sind, hat es in der Regel am Lehrer gelegen. Vielleicht wird die Prüfung dann annulliert oder auch einfach nur der Notendurchschnitt angehoben. Nun ist wieder Aussicht auf Versetzung.

Von Gott können wir eine solche Relativierung seiner eigenen Beurteilung nicht erwarten. Er hat sich nicht getäuscht. Wie alle Menschen bin auch ich bei ihm "durchgefallen" 17 . Weil Gott - unerklärlicherweise - mich dennoch gerecht sprechen will, verurteilt er an meiner Stelle rechtmäßig Jesus Christus, den einzigen Sündlosen und Gerechten, läßt ihn "durchfallen" und stellt mir dessen "perfektes Zeugnis" aus. Damit ich die Gerechtigkeit Gottes erhalten kann, mußte Jesus Christus am Kreuz hingerichtet werden. So teuer und wertvoll ist die wahre Gerechtigkeit. Sie kostete das Blut und Leben des Sohnes Gottes.

Ein Austausch, eine Stellvertretung findet statt, keine Schwamm-drüber-Praxis.

Dieses Handeln Gottes kann man kopfschüttelnd übergehen oder staunend und dankbar auf sich beziehen. Neutralität ist ebenso unmöglich wie zu meinen, der so geschenkten Gerechtigkeit von Gott wäre noch etwas an Eigenleistung hinzuzufügen.

Die Gerechtigkeit Gottes ist die bessere. Sie gilt es im Glauben anzunehmen und festzuhalten. 18

6. Kommt es für Christen nicht vielmehr auf's rechte Tun an?

Ja und Nein!

Aufs rechte Tun des Willens Gottes, gerade auch in bezug auf andere Menschen, wird der Gerechtfertigte (Christ) sehr wohl ein Schwergewicht legen. Denn der Glaube ist ohne die Werke tot. 19

Das Motiv dieses Handelns ist aber ein völlig anderes: Weil der Christ Gott recht geworden ist, versucht er, in Gottes Sinn (recht) zu handeln, nicht aber, um durch gute Werke gerecht zu werden. Die Folge darf nicht mit der Voraussetzung vertauscht werden.

Ohne die wahre Gerechtigkeit geht der einzelne, ein Volk, eine Kultur, ja geht die Welt zugrunde.

Gott will Gerechtigkeit schenken! Sie gilt es anzunehmen! Darum: Erst gerecht werden und dann gerecht handeln!

Zum Vergleich die entsprechenden Bibelstellen:

1 Matth. 5 - 7
2 Matth. 5, 6
3 2. Mose 20, 1 - 17
4 3. Mose 25, 4
5 3. Mose 25, 10
6 3. Mose 19, 33 + 34
7 3. Mose 19, 32
8 3. Mose 18, 6
9 3. Mose 18, 22
10 3. Mose 19, 26 - 31
11 4. Mose 35, 12
12 Matth. 22, 37 - 40
13 Psalm 14, 2
14 Matth. 5, 20
15 Röm. 3, 24
16 1. Kor. 1, 30
17 Röm. 3, 23
18 Röm. 1, 17 + 3, 28
19 Jak. 2, 17

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