
![]() Leseprobe aus Das Fundament 2/2012
Hören, weil Gott redetPfarrer Dr. Hartmut Schmid, Bad Liebenzell, ist seit 2009 Vorsitzender des Liebenzeller Gemeinschaftsverbands und Dozent am theologischen Seminar der Liebenzeller Mission. Im Rahmen eines „Seminars für Berufstätige“ zum Thema „Zielorientiert fragen und aktiv zuhören“ im Herbst 2011 in Bad Liebenzell/Monbachtal hielt er einen Vortrag, den wir stark gekürzt hier wiedergeben. Hören, weil Gott redet! Das ist ein ganz großes Thema. Ja, eigentlich ist es das Thema der Bibel überhaupt. Ich habe nun versucht, eine Auswahl zu treffen und diese ein wenig zu ordnen. Dabei soll uns das Wort aus dem Buch der Sprüche anleiten und begleiten, jedoch nicht im Detail ausgelegt werden: „Wer sein Ohr abwendet, um die Weisung nicht zu hören, dessen Gebet ist ein Gräuel.“ Sprüche 28,9 1. Hören – eine Grundbestimmung des MenschenDer Mensch ist zur Zuwendung geschaffen. Hören ist eine anthropologische Grunddimension des Menschen - und zwar schon von der Schöpfung her. Der Mensch hat Ohren. Manchmal muss man sich die ganz einfachen Dinge ganz neu bewusst machen. Die Ohren sind so am Menschen angeordnet, dass, wenn er etwas hört, er sich automatisch dorthin wendet, vor allem mit dem Gesicht. Der Mensch ist, und das ist hochinteressant, in eine Richtung ausgerichtet und zwar nach vorne, nicht nach hinten. Das gilt für die Ohren, die Augen, den Mund, ja auch die Hände, die Beine und die Füße. Der Mensch ist anatomisch komplett zur Zuwendung geschaffen. Somit hat es Konsequenzen, wenn jemand „seine Ohren abwendet“. Wer seine Ohren bildlich abwendet, der wendet alles ab. Er wendet vor allem das Gesicht ab. Hier ist eine Parallele zwischen Ohren und Gesicht. Deshalb habe ich mich als Pfarrer dafür eingesetzt, dass die Musik im Gottesdienst vorne ihren Platz hat und nicht hinten. Man hört doch nicht nach hinten. Nein, was man hört, ist immer „vis-à-vis“ (frz. gegenüber = von Gesicht zu Gesicht). Ich wende mich immer mit dem ganzen Gesicht dem zu, was ich höre. Wenn jemand hinter mir meinen Namen ruft, schaue ich zurück. Das mag vielleicht ein ganz schlichter Gedanke sein, aber das ist in der Schöpfung so angelegt. Hören ist schöpfungsgemäßWir Menschen sind so geschaffen, dass wir hören können. Es mag vielleicht Geschöpfe geben, die nicht hören können; die sind eben anders geschaffen. Der Mensch aber ist geschaffen, dass er hört. Das Hören ist also eine anthropologische Grunddimension und diese ist für das Leben ganz natürlich und für die Gemeinschaft von Menschen untereinander maßgeblich. Hören, Sehen, Reden sind entscheidende Gaben - und sie gehören zusammen. Es ist im zwischenmenschlichen Bereich unbestritten: wenn Reden und Hören ausbleiben, verkümmert die Verständigung und damit die Gemeinschaft, denn die elementaren menschlichen Bedürfnisse werden nicht mehr befriedigt. Der Mensch ist so von Gott geschaffen, dass er in der Gemeinschaft reden, sehen und hören kann. Das ist grundlegend notwendig, und wenn eines fehlt, sind Ersatzfunktionen nötig, damit der Mensch nicht verkümmert. Diese müssen dann allerdings mühsam erlernt werden. Wir reden also über eine menschliche Grundbestimmung, die offensichtlich auf den Willen des Schöpfers zurückgeht. Hören ist beziehungsgemäßAuch in der Beziehung zu Gott ist der Mensch zum Reden und Hören, oder besser umgekehrt, zum Hören auf Gott und zum Reden mit Gott bestimmt. Dabei ist es schon sehr interessant, dass uns die Bibel Gott in stark anthropomorpher Weise zeichnet. So ist dort die Rede von Gott als einer Person. Ich sage bewusst nicht, wie ein Mensch, sondern wie eine Person mit menschlichen Funktionen des Redens, des Hörens und des Sehens. Und damit kommen wir zu einem Grundthema, der Gottesbeziehung. Der Mensch ist sowohl für die menschliche Gemeinschaft als auch für die Gemeinschaft mit Gott gedacht und gemacht. Es gibt unzählige Bibelstellen, die sagen, dass Gott spricht. Es gibt viele Bibelstellen, die sagen, dass Gott sieht. Ganz anschaulich wird das natürlich im Leben Jesu, wenn er Menschen „sieht“, so wie er zum Beispiel den Zachäus „sah“. Es gibt unzählige Bibelstellen, die sagen, dass Gott hört. Das ist elementar wichtig für das Gebet. Es wäre ja eine reine Juxveranstaltung, wenn wir beten würden und Gott könnte überhaupt nicht hören. Dann wäre ja alles sinnlos. Ich komme später anhand unseres Leitverses aus Sprüche 28, 9 auf die hochinteressante Verbindung von Hören und Beten zurück. Gottes leuchtendes AngesichtAlso, Gott redet, er hört und er sieht. Ja, im Alten Testament bekommt er sogar ausdrücklich den Titel: „… du bist ein Gott, der mich sieht“ oder entsprechend, „… der mich hört.“ Das ist die Wesensbeschreibung einer Person, zu der noch das andere hinzu kommt, wenn speziell von Gottes Angesicht die Rede ist. Deshalb war mir das in der Einleitung so enorm wichtig, dass wir es beim Reden immer mit der kompletten Zuwendung, mit der Frontseite zu tun haben. Manche Leute mögen ja vielleicht einen schönen Rücken haben, aber Begegnung geschieht von Angesicht zu Angesicht. Hier wäre ein ausführliches Bibelstudium über den Begriff „Angesicht“, und zwar im Blick auf Gott, hochinteressant. Im sogenannten Aaronitischen Segen wird der Begriff gleich zweimal verwendet. „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“ und „der Herr hebe sein Angesicht über dich“ (4. Mose 6,25 + 26). Wie ist das zu verstehen? Sie können es sich anhand eines einfachen Beispiels leicht vorstellen, was da für ein Bild dahinter steckt: Es ist der Blick in den Kinderwagen. Da begegnet Ihnen eine junge Mutter mit ihrem neugeborenen Kind. Wie schauen Sie jetzt in den Wagen? Ernst, streng, grimmig? Nein, in der Regel lächeln Sie, Sie strahlen, ja, Sie lassen buchstäblich Ihr Angesicht leuchten. Gleich zweimal wird das von Gott betont: „Er lasse sein Angesicht leuchten.“ Auch wenn wir uns kein Bild von Gott machen sollen, so dürfen wir es durchaus persönlich nehmen: Immer, wenn diese Worte Ihnen zugesprochen werden, schaut Gott Sie so an, wie wir auf ein Neugeborenes im Kinderwagen schauen: Strahlend, freundlich! Das ist eigentlich unfassbar. Vor Gottes Angesicht kommenWie verhält es sich nun mit Gottes Angesicht? Im letzten Kapitel der Bücher Mose lesen wir, dass Gott zu Mose geredet habe „von Angesicht zu Angesicht“ (5. Mose 34,10). Auch wenn man weiß, dass Mose selber Gott nicht gesehen hat, hat Gott mit Mose geredet wie von Angesicht zu Angesicht. Oder schauen Sie den Psalm 100 an: „Jauchzet dem Herrn, alle Welt! Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!“ Hier ist vom Gottesdienst die Rede. Also, wenn Sie demnächst wieder im Gottesdienst sind, denken Sie daran, Sie treten in erster Linie vor Gottes Angesicht. Noch ein Weiteres. Wenn ich meine „Stille Zeit“ halte, versuche ich mir das seit einigen Jahren neu bewusst zu machen: Ich stehe vor Gott. Ich sehe ihn nicht, aber ich begegne ihm von Angesicht zu Angesicht. Das ist mir eine ganz große Hilfe: Gott ist jetzt gegenwärtig und ich rede mit ihm, so wie mit einem mir gegenüberstehenden Menschen. Es ist mir ganz wichtig, dass ich mir das klar mache und mein Gebet sich nicht um mich selbst dreht, sondern dass ich mit Gott rede. So auch wenn ich sein Wort lese, dann höre ich Gott von Angesicht zu Angesicht. Es ist etwas Ungeheures, Großartiges. Und wenn Sie wieder Gottesdienst feiern und zum Schluss der Segen gesprochen wird, so denken Sie daran: Gott geht mit Ihnen durch die Woche, „er lasse sein Angesicht leuchten über dir.“ Was blockiert das Hören?Drei Dinge, die mir wichtig sind, sollen genannt werden. Die Liste ist also nicht vollständig. TotalabwendungWer sein Ohr abwendet, zeigt ein bewusstes Nicht-Hören-Wollen. Das gibt es. Es ist interessant, dass hier steht: Wer sein Ohr abwendet, um die Weisung nicht zu hören. Da steht im Hebräischen das Wort Thora, womit zunächst die fünf Bücher Mose gemeint sind. Die Abwendung von Gott geschieht also, weil ich sein konkretes Wort nicht hören will. Ich will mir mein Wort selber sagen und selbst bestimmen, was für mich richtig ist. So werden die Ohren bewusst von Gott abgewendet. Und ich sage gleich dazu: das Leben kann trotzdem sehr fromm sein. Man kann elend-fromm daher reden und sich doch bewusst von Gott abwenden, nicht grundsätzlich atheistisch, sondern mehr im Konkreten. Wir haben hier keinen theoretischen, sondern den praktischen Atheismus vor uns. Das ist wichtig und zu unterscheiden. Der theoretische Atheismus sagt: Es gibt keinen Gott! Der praktische Atheismus sagt: Ich will Gott nicht hören; über mich bestimme ich. Das ist ein bewusstes Abwenden von der konkreten Weisung. Wer es nachprüft, wird feststellen, dass es in der Antike eigentlich keinen theoretischen Atheismus gab. Wenn also im Alten Testament vom „Gottlosen“ die Rede ist, handelt es sich nicht um einen Atheisten in unserem heutigen Verständnis. Gottlos war einer, der für sein konkretes Leben nicht nach Gott fragte, sondern nach der Maxime lebte: Gott ist im Himmel und ich bin hier auf der Erde, zwischen uns läuft nichts und er interessiert mich auch nicht. Ist das nicht eine sehr aktuelle Zustandsbeschreibung unserer Zeit? TeilabwendungWo können selbst bewusst gläubige Menschen sich von Gott, das heißt vom Hören auf seine Weisung abwenden? Es ist der Bereich der Teilabwendung. Hier geht es um Themen, die ich nicht hören will, die mir vielleicht unsympathisch sind. Natürlich gibt es biblische Sachverhalte, die schwierig sind. Es gibt aber auch Texte, die man nicht verstehen möchte. Während viele Themen sehr beliebt sind, gibt es schwierige theologische Themen, von denen sich nicht wenige bewusst abwenden und so auf eigenen Vorstellungen beharren. Es sind die Themen des Leides und der Gewalt und des Bösen. Hierher gehören auch die Bereiche, die mich selbst betreffen. In den ethischen Fragen, in denen ich kein Problem habe, höre ich gern auf die Heilige Schrift und fühle mich bestätigt. Ei, du frommer Mensch! Bei Themen, die mir Probleme machen, ist die Gefahr viel größer, dass ich „mein Ohr von der Weisung abwende“. Es gibt ja ein sehr fürsorgliches Hören für den Anderen. Ich persönlich habe erst kürzlich einen Bibeltext gelesen, der für mich voll zugetroffen hat. In der ersten Hälfte konnte ich etwa wie der reiche Jüngling sagen: Das ist kein Problem für mich. „Ich habe alle Gebote erfüllt.“ Doch im zweiten Teil wurden Dinge angesprochen, da war ich echt betroffen. Und sofort stellt sich die Frage: Wie gehe ich damit um? Höre ich hier weg oder lasse ich mir was sagen? SelbstbezogenheitWas blockiert das Hören noch? Wenn ich mit mir selbst beschäftigt bin. Das soll es ja auch im zwischenmenschlichen Bereich geben, dass ich mich nicht auf meinen Nächsten konzentrieren kann. Dasselbe gibt es auch mit Gott und seinem Wort. Ich bin beschäftigt mit mir. Ich lese ein Bibelwort und frage mich hinterher, was habe ich denn gelesen? Kennen Sie das auch? Ich weiß es nicht mehr, war „innerlich weggetreten“, war völlig mit mir beschäftigt, ich kreiste um mich selbst. Es gibt auch Umstände, die das fördern: Zu wenig Schlaf, ein Übermaß an Arbeit oder Problemen, die ich zu bewältigen habe, vor allem, wenn ich ein Sorgentyp bin. Aber auch Leid kann blockieren. Vor allem in der jeweiligen Anfangsphase von Leid oder Krankheit kreist der Mensch um sich selbst und um dieses Leid und kommt einfach nicht heraus. In Psalm 73 betet ein schwerkranker Mensch. Erst nach vielen Versen kann er sagen: „… bis ich ging ins Heiligtum“. Er hat einige Zeit gebraucht, bis er sich öffnen und wegsehen konnte von seinem Leiden. Es kann aber auch der Fall sein, dass wir nichts mehr Neues hören wollen. Wir lesen zwar ein Bibelwort, aber wir erwarten nichts. Wir sind dermaßen eingefahren in ein bestimmtes Bibelverständnis und schon wenn ein Text verlesen wird, wissen wir, was gemeint ist. Wer kann da noch etwas aufnehmen? Totalabwendung, Teilabwendung, Selbstbezogenheit können das Hören blockieren. Hören, weil Gott redetVon der Bibel her sagen wir ein bewusstes Ja zur Grunddimension der Schöpfung: Ich bin geschaffen als „Vis-à-vis“. Deshalb verfehlen wir unser Ziel und entsprechen nicht der Grundbestimmung des Menschen, wenn wir nicht hören. Die Bibel berichtet durchgängig, dass Gott zu Menschen spricht. Schon mit der Erschaffung des Menschen beginnt das Reden Gottes mit dem Men-schen. In 1. Mose 1, 28 sagt Gott: „Seid fruchtbar und mehret euch.“ In 1. Mose 2 gibt er sogar Anweisungen über die Ernährung. Leider finden wir kein Gespräch von vor dem Sündenfall protokolliert. Erst nach dem Sündenfall finden wir den ersten Dialog. „Adam, wo bist du?“ - „Ich habe mich gefürchtet und habe mich versteckt“ (1. Mose 3, 9 und 10). Das Wort in der Person von JesusDas Wort wird zu einer biblischen Grunddimension vor allem bei den Propheten. Dort hören wir sehr häufig: „So spricht der Herr.“ Das Wort ist geradezu das Kennzeichen der Propheten. Gott gibt sein Wort. Die Menschen sollen hören, weil Gott redet. Der absolute Gipfel des Prophetischen ist die Tatsache, dass Jesus selbst sogar mit dem Begriff „Wort“ bezeichnet wird. Im Johannesevangelium lesen wir: „Am Anfang war das Wort … und das Wort ward Fleisch.“ Jesus in Person ist das Wort Gottes für die Menschen. Und da zeigt sich, wie hoch die Qualität des Hörens angesetzt ist. Jesus ist das göttliche Reden schlechthin. Gott selber sagt: „…den sollt ihr hören!“ An zwei biblischen Beispielen soll im Folgenden vertieft werden, dass dieses Hören ein konkretes Hören ist, ein Hören, das meinen Lebensalltag betrifft. Zum Glück gibt’s Gottes WortWir lesen in Psalm1: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!“ Etwas freier kann auch übersetzt werden: „Lust am Wort des Herrn.“ Gesetz ist hier keine so glückliche Übersetzung. Mit Gesetz verbinden wir immer Gebote, aber in dem hebräischen Wort Thora, das hier steht, bilden die Gebote nur einen Teilaspekt. Schon der Schöpfungsbericht ist Thora, der Bericht vom Auszug aus Ägypten ist Thora, die sogenannte Vätergeschichte ist Thora und so sind auch die Gebote ein Teil der Thora. Der Glücklich-zu-Preisende hat Lust am Wort des Herrn insgesamt und meditiert sein Wort bei Tag und bei Nacht. Wiederum frei übersetzt: er „meditiert sein Wort regelmäßig“. Regelmäßige Meditation von Gottes Wort bedeutet, dass ich mein Leben mit Gottes Wort in Verbindung setze. Das ist das Entscheidende. Ich setze mein Leben in Bezug zu Gottes Wort. Das ist konkretes Hören und das eben kennzeichnet den Gerechten. Fruchtbare KonfrontationAm Schluss von Psalm 1 wird der, der Gottes Wort so meditiert, als Gerechter bezeichnet, das heißt nicht, dass er sündlos wäre, sondern er ist jemand, der sein Leben mit Gottes Wort in Verbindung bringt. Gottes Wort mit meinem Leben in Verbindung zu bringen, mein Leben mit Gottes Wort zu konfrontieren, das ist der Grundgedanke von Psalm 1. Und wer das tut, der erlebt eine Lebensveränderung. So geht Psalm 1 im dritten Vers weiter: „Der ist wie ein Baum“, und ich übersetze weiter wörtlich: „verpflanzt an Wasserbäche, der seine Frucht bringt zur rechten Zeit.“ Die Meditation des Wortes Gottes in der Weise, dass ich mein Leben mit Gottes Wort konfrontiere, wirkt automatisch. Nicht ich bringe die Frucht, sondern es verändert sich etwas, wenn ich Gottes Wort in mein Leben hereinlasse. Gottes Wort, unangenehm konkretDas zweite Beispiel finden wir in der Bergpredigt. Matthäus 5 beginnt mit dem gleichen Wort wie Psalm 1. Das ist für mich kein Zufall. Ich bin davon überzeugt, dass Psalm 1 für die Bergpredigt Pate stand. In der Lutherübersetzung beginnt der Psalm 1 mit „wohl dem“, die Bergpredigt dagegen mit „selig ist“. Aber wir haben hier dieselbe Wortbedeutung. Am Schluss seiner Predigt erzählt Jesus das Gleichnis vom Hausbau auf felsigem oder sandigem Grund. Dort heißt es, dass es darauf ankommt, dass man Gottes Wort oder Jesu Wort hört und tut. Er vergleicht damit den, der Gottes Wort hört und tut, mit dem, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Hier sind wir wieder beim konkreten Hören im Blick auf meine Lebenssituation. Die Bergpredigt ist dazu ein hervorragendes Übungsfeld, wenn es dort zum Beispiel heißt: „Sorgt euch um nichts, was ihr essen und trinken und anziehen sollt …“ (Matthäus 6, 25). Lesen wir in der Bergpredigt weiter, so finden wir unter anderem: „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet!“ oder: „Sammelt nicht Schätze … denn wo euer Schatz ist, da ist euer Herz.“ Ebenfalls unglaublich konkret. Um das zu verstehen, muss man keinen einzigen Tag Theologie studieren, man braucht dazu weder Griechisch noch Hebräisch noch Latein. Da brauchen Sie keinen, der es erklärt. Mit dem Tun ist es dann sicher ein wenig anders. Hören, weil Gott redet. Gott redet konkret. Wer Gottes Wort hört und nicht zulässt, dass er sein Leben damit konfrontiert, um so Veränderung zu erfahren, gleicht dem Menschen, der sein Haus auf den Sand baut. Eben deshalb geht es beim Hören auf Gott um eine existenzielle Frage. Es geht um Leben oder Tod! Umdenken und UmkehrenGottes Wort hören und tun, dazu gehört auch die Buße. Wenn ich sein Wort nicht getan habe, wenn ich mein Ohr abgewendet habe und es mir deutlich wird: da habe ich bewusst nicht gehört, ich wollte die Sache vertuschen und rechtfertigen, dann ist es unerlässlich, dies als Schuld zu erkennen und umzukehren. Auch die Buße gehört zum Tun. Sie ist ein enorm wichtiger Bereich bei der Erfüllung der Gebote Gottes. Heilig sein bedeutet nicht, dass wir vollkommen und sündlos sind, zum Heiligsein gehört untrennbar die Buße. Es ist eine menschliche Grundbestimmung, dass wir hören, weil Gott redet, weil Gott konkret redet, weil Gottes Reden existenzielle Bedeutung hat. Es geht letztlich um Leben und Tod. Wo hören wir heute Gott?Wenn Gott redet, will ich hören. Es ist eine persönliche Grundentscheidung eines jeden Einzelnen. Aber wo redet Gott? Ich nenne nun zwei Stellen, die meine theologische Grundentscheidung bestimmen: Altes und Neues TestamentHebräer 1,1 + 2a: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn ...“ . Hier wird ein zweifaches Reden angesprochen: Das erste Reden geschah zu den Vätern durch die Propheten, also durch das Alte Testament insgesamt - und das zweite erfolgte zu uns durch den Sohn. Das ist das, was wir heute in den Evangelien und im Neuen Testament haben, was aber zur Zeit der Abfassung des Hebräerbriefes noch nicht abgeschlossen vorlag. Deshalb formuliert der Hebräerbriefschreiber hier sinngemäß so: „zu uns redete Gott durch Jesus.“ In dieser Formulierung entdecken wir die Zwei-Testamentlichkeit unserer Bibel. Gott hat zu den Vätern geredet durch die Propheten und er hat zu uns geredet durch den Sohn. Das ist die Grundlage des Redens Gottes. Das Alte Testament als Reden GottesWas ist nun dieses Reden der Propheten? Ist das Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel? Das hebräische Verständnis des Alten Testamentes ist anders als das unsere. In der Thora, den fünf Büchern Mose, wird über Mose zum Beispiel gesagt: „Es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der HERR erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht ...“ (5. Mose 34, 10). Mose war also der größte Prophet des Alten Testaments. Die Thora wurde durch ihn vermittelt, deshalb hat sie auch prophetische Qualität. Für das hebräische Verständnis sind auch die Bücher Josua, Richter, Samuel, Könige prophetische Bücher und werden als solche bezeichnet. Man kann das leicht nachweisen. Im Neuen Testament finden wir mehrmals die Beschreibung: „Mose und die Propheten“. Man findet nirgends die Einteilung in „Geschichtsbücher“ und „Propheten“. Bei „Mose und die Propheten“ ist es somit klar, dass da ein anderes Verständnis der alttestamentlichen Bücher vorausgesetzt ist. In der Bergpredigt heißt es zum Beispiel: „es wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz und den Propheten“ (Matthäus 5, 18). Wir haben also hier ein sehr breites Prophetenverständnis und ich bin fest davon überzeugt, Hebräer 1, 1 meint nicht einfach Jesaja, Jeremia oder sonst einen Propheten, sondern das ganze Alte Testament, so, wie es uns heute vorliegt. Den Worten von Jesus glaubenEine andere Stelle ist Johannes 2,22: „Als Jesus nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.“ Was heißt „die Schrift“? Es ist einfach die neutestamentliche Bezeichnung für das Alte Testament. „Gesetz und Propheten“ ist die eine „Schrift“ oder „Schriften“ ist eine weitere Bezeichnung. Es ist hochinteressant zu sehen, dass die Jünger „der Schrift“ glaubten, ebenso auch die Apostel und die Urgemeinde. Hinzu kam, was Jesus gesagt hatte. Sie hatten ja noch kein abgeschlossenes Neues Testament und deshalb glaubten sie dem Wort Jesu, das lange Zeit zunächst mündlich überliefert wurde und dann mit der Zeit schriftlich kursierte. Das schriftliche Wort verbindetWo hören wir heute Gott? Ich bin überzeugt, dass wir an die Heilige Schrift, an die Bibel als das Wort Gottes gebunden sind. Das schriftliche Wort ist im Unterschied zu meinen Gefühlen klar. Das schriftliche Wort verbindet, denn wir haben alle die gleiche Schrift. Das schriftliche Wort liegt vorEin weiterer Grund: Das schriftliche Wort habe ich immer! Wenn in mir alles still ist, wenn in mir nichts mehr klingt, das schriftliche Wort habe ich immer. Lassen Sie mich ganz praktisch werden, denn dies ist für mich ein ganz wichtiger Punkt: Das schriftliche Wort kann ich regelmäßig lesen, auch im Sinne einer christlichen Glaubenslehre, der Erinnerung und Vergewisserung. Wie allen Christen hat Gott mir fraglos immer etwas zu sagen. Ich muss nicht auf eine direkte Inspiration warten und ich muss keine direkte Inspiration erzwingen. Gott kann mir immer etwas sagenZu mir hat vor Jahren jemand gesagt: In Deiner Stillen Zeit musst Du jeden Tag neu fragen, was Gott Dir sagen will. Das habe ich in der Zwischenzeit aufgegeben, denn Gottes individuelles Reden zu mir kann ich nicht erzwingen. Wenn ich aber regelmäßig sein Wort lese, wird er mir, so oft er will, zeigen, was für mich aktuell ist. Von daher unterscheide ich durchaus das regelmäßige Bibellesen, bei dem ich stets geistige Informationen aufnehme, von dem Bibellesen, wo Gott, wenn seine Stunde da ist, in mein Leben hinein spricht. Doch wenn ich nicht regelmäßig die Bibel lese, wird auch das zweite nicht geschehen. Über dem regelmäßigen Lesen der Bibel klinkt sich Gott ein und spricht mit mir. Welch eine Chance! Fazit: Die Grundlage des göttlichen Redens ist sein Wort und Gott sagt mir persönlich nichts, was im Widerspruch zu seinem Wort, der Bibel, steht, und deshalb ist auch sein Wort das entscheidende Korrektiv. Wie hören – wenn das Wort die Grundlage ist?Ein erster Schritt – laut lesenGott hat es gefallen, uns seinen Willen im schriftlichen Wort zu vermitteln, und bei schriftlichen Worten ist es so, dass man sie lesen muss. Lesen, genau lesen, langsam lesen. Vor allem in Phasen, wo man um sich selber kreist und geistig schnell abschaltet, ist es ratsam, laut zu lesen. Hier ist in der christlichen Tradition etwas verloren gegangen. Dementsprechend habe ich Luthers Übersetzung von Psalm 1,2 „wohl dem …der sinnt über seinem Gesetz“ mit „meditieren“ übersetzt. Wörtlich heißt es dort im Hebräischen „gurren, brummen“. Das sind leise Tierlaute. Die Bibel mit leiser Stimme laut lesen, das ist damit gemeint. Es ist wirklich hilfreich, um nicht mit eigenen Gedanken während des Lesens abzuirren. Hinzu kommt noch, dass vermutlich die meisten langsamer sprechen als lesen. Es fallen einem auch durchs Hören Dinge auf, die einem nicht auffallen, wenn man nur liest. Ich habe es schon erlebt, dass ich bei der Predigtvorbereitung den Text vorher nicht laut las. Wenn ich dann vor meiner Predigt den Text laut lese, kann es vorkommen, dass ich merke, ich habe etwas übersehen. Beim Lesen verweilenIch verweile an Bibeltexten in der Regel recht lange. Dabei mache ich eigentlich beides, ich lese große Abschnitte, um auch die Zusammenhänge zu erfassen. Lesen Sie doch, wenn möglich, auch einmal ein ganzes biblisches Buch am Stück und machen Sie dabei keine Pause, um irgendwo einzuhaken oder einen Kommentar oder eine Erklärung zu lesen! Oder versuchen Sie einmal, eine ganze Woche lang immer wieder Psalm 1 zu lesen! Ich mache das auch gern so mit den Wochensprüchen. Es geht darum zu verweilen, noch einmal zu lesen, noch einmal einen neuen Aspekt zu entdecken. Erst mal sehen, was da stehtWie sollen wir hören? Unvoreingenommen! Versuchen Sie einmal zunächst, das eigene Wissen, die eigenen spontanen Einfälle, Ihre Gedanken und Assoziationen zurückzustellen. Ich bin überzeugt, die meisten Bibelleser sind viel zu schnell dabei zu fragen: „Was sagt das mir?“ Sie suchen nach Anwendungen, assoziieren mit Bekanntem, malen Szenen aus und plötzlich sind sie weg, vom Text, von der Geschichte. Hören, was da steht! Wir sollen unbedingt genau hören oder lesen. Eventuell kann man auch mal ein Hilfsmittel dazu nehmen. Ich nenne ein Beispiel. In der Lutherübersetzung lautet Psalm 103,2: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat ...“ Die Elberfelder Übersetzung, entspricht an dieser Stelle besser dem Urtext: „Preise den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht alle seine Wohltaten!“ Es ist zwar nur ein kleiner Unterschied, dies „dir“ bei Luther. Aber der Urtext öffnet noch einen ganz anderen Korridor. Plötzlich geht es nicht mehr nur um mein Leben, sondern um viel mehr. Im nächsten Abschnitt des Psalms geht es um die Zeit von Mose, das sind nach der biblischen Datierung über 400 Jahre vor David. Es soll also nicht nur nicht vergessen werden, wie viel Gutes Gott an dem Beter getan hat, jetzt stehen auf einmal Gottes große Taten, zum Beispiel in der Zeit Moses vor 450 Jahren im Blickfeld. Und jetzt fragen Sie sich bitte einmal, wie oft in unseren Gemeinden für das gedankt wird, was vor 450 Jahren war. Den Text genau zu studieren und zu erfassen, das kann ganz neu in eine große Weite führen. Sind Sie doch ehrlichWie sollen wir hören? Ich sprach von der Konfrontation mit Gottes Wort. Es kann nur gut sein, zuzugeben, dass ich etwas nicht verstehe. Ich darf zugeben, wenn mich Gottes Wort ärgert, zugeben, dass es mich befremdet. Und am besten sollte ich das mit Gott besprechen. „Lieber Gott, dein Wort hat mich heute geärgert. Das kommt völlig quer hinein in mein Leben. Ich hätte heute gern etwas anderes von dir gehört“. Das ist Klage, aber Klagen ist auch Reden mit Gott. Das ist in vielen Frömmigkeitstraditionen ausgeblendet, wo ich immer sagen muss: Jawohl, Herr, jawohl, Herr! Auch das gehört dazu. Zum biblischen Glauben gehört die Annahme und die Konfrontation. Und für beides gibt es biblische Zeugen. Da sagt Jesus in Gethsemane zu Gott: Lieber Vater im Himmel, ich will diesen Weg nicht gehen. Jesus formuliert nicht nur Ergebung. Er sagt: Lieber himmlischer Vater ich will diesen Weg nicht gehen, aber wenn du es willst, dann mache ich es. Und das ist etwas völlig anderes als gedankenloses Ja-Sagen. Konfrontation zulassen, aber nicht Gott loslassenVielfach kann man das nicht aushalten, dass Gottes Wort für mich nicht nur leicht ist. Nein, Gottes Wort ist nicht nur leicht. Ich nehme nur ein Beispiel: Gott antwortet Jeremia, nachdem dieser ihn wegen seiner Lebensführungen herausfordert, weil es den Gottlosen so gut geht: „Sag mal, Jeremia: Wenn es dich schon müde macht, mit Fußgängern zu gehen, wie wird es dir erst gehen, wenn du mit Rossen laufen sollst?“ (Jeremia 12, 5). Das ist keine sanfte Behandlung. Das ist Konfrontation. Wenn Sie so eine Lebenssituation haben, wie gehen Sie mit Gott um? Es gehört zum Reden und Hören, dass ich mit Gott auch in eine Konfrontation eintrete und sage: „Lieber Gott, das verstehe ich nicht, ich komme im Augenblick mit dir nicht klar.“ Zulassen, dass wir nicht verstehen, zulassen, dass wir uns reiben, aber nicht loslassen, sondern es mit Gott besprechen. Die Bibel erkennen, das geht nicht nur mit dem Verstand, es ist ein geistlicher Prozess. Nicht alles kann ich verstehen. Ich will aber trotzdem die Worte an mir arbeiten lassen und die Gedanken mitnehmen. Maßnahmen gegen die VergesslichkeitIm Judentum gibt es 5. Mose 6 den Brauch, Gottes Wort immer bei sich zu tragen, in einer Kapsel an der Stirn oder als Gebetsriemen um den Arm - damit ja nichts in Vergessenheit gerät. Von Vergesslichkeit im Blick auf Gottes Wort spricht auch das schöne Wort bei Jakobus. Er schreibt davon, dass gläubige Menschen manchmal einem Mann gleichen, der morgens in den Spiegel schaut und dann weggeht und nicht mehr weiß, wie er aussieht. Wir brauchen Maßnahmen gegen die Vergesslichkeit in Bezug auf Gottes Wort. Haben wir Möglichkeiten, dass ein Wort mit uns geht? Ich bin ein Schreibtischarbeiter. Wenn mir ein Wort wichtig ist, dann drucke ich es aus und lege ich es irgendwo hin, wo ich es regelmäßig sehe. Ich möchte daran erinnert werden, das Wort soll eine Zeit lang mit mir gehen und an mir arbeiten. Wenn der Psalmbeter Gottes Wort Tag und Nacht meditiert, heißt das auch, es wird ihm durch regelmäßige Wiederholung zur Wegbegleitung. Was gibt’s Neues?Wichtig ist auch noch die Frage: Was sagt das Wort mir neu? Wir sollten doch nicht so tun, als wüssten wir schon alles, sondern ganz unvoreingenommen an die Bibel herangehen. Dazu gehört das genaue Lesen im Zusammenhang. Was sagt es mir neu über Gott? Was war mir in letzter Zeit gar nicht mehr so bewusst? Was sagt mir dieses Wort neu über mich, was ich ganz vergessen habe? Was sagt es mir über meine Schuld, die ich völlig übersehen habe? Was sagt es mir über Gottes Willen, der mir in dieser Hinsicht nicht mehr klar war? Was sagt es mir über Gottes große Pläne mit der Welt, die ich aus dem Auge verloren habe? Was sagt mir das Wort neu, was ich zwar vor Jahren schon einmal gehört habe, aber jetzt wieder brauche? Kein Gebet ohne HörbereitschaftHören, verweilen, wirken lassen, langsam lesen, laut lesen, nicht sofort die eigenen Gedanken hineintragen, all das wird dann dazu beitragen, „die Weisung zu hören“ und mich nicht abzuwenden. Zum Schluss sei nur noch ganz kurz auf den Zusammenhang von Wort und Gebet hingewiesen: Wer nicht hören will, der braucht auch nicht zu beten. Gottes Wort hat hier eine unangenehme Schärfe. „Wer sein Ohr abwendet, um die Weisung nicht zu hören, dessen Gebet ist ein Gräuel.“ Ohne auf Gott und seine Weisung hören zu wollen, geht geistlich gesehen nichts, auch wenn wir noch so viele oder schöne Worte machen. Das zeigt uns den Ernst der Lage. Gott will, dass wir auf ihn hören, dass wir unserer menschlichen Grundbestimmung entsprechen: Geschaffen zur Gemeinschaft füreinander und für Gott. Lassen Sie uns „vis-à-vis“ leben, mit zugewandtem Gesicht hören. |
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