
![]() Leseprobe aus Das Fundament 3/2010
Warum eine Gender-orientierte Pädagogik schadet und warum wir eine wirklich geschlechtergerechte Pädagogik brauchenJungen sind anders, Mädchen auchKonstantin Mascher, Diplomsoziologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Mit seiner Frau und drei Kindern lebt er in der Gemeinschaft „Offensive Junger Christen“ (OJC). „Mainstreaming a Gender Perspektive“, also: die Ideologie der „Gender-Perspektive“ in das Zentrum der Gesellschaft bringen – das war das Ziel der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking im Jahr 1995. Mittlerweile haben auch in Deutschland die Inhalte der Gender-Theorien Eingang gefunden in Politik, Bürokratie, Wirtschaft und Bildung. Umgesetzt werden sollen sie durch das Instrument des „Gender-Mainstreaming“ (GM). Die pädagogischen Aspekte sollen in den folgenden Ausführungen hervorgehoben werden. Den Gender-Theoretikern geht es – auch – um die nächste Generation. Es ist wichtig, sich um die „Rekrutierung gendersensiblen Nachwuchses“ zu kümmern.1 Damit, so heißt es, könne man nicht früh genug anfangen: Bereits in der schulischen Bildung müsse die Zweigeschlechtlichkeit dekonstruiert und ein deutlich variableres Konzept von Geschlecht präsentiert werden. Gender-Mainstreaming in der Schule?In Veröffentlichungen und Online-Präsentationen von Behörden und öffentlichen Institutionen finden sich viele unterschiedliche und zum Teil einander widersprechende Aussagen dazu, was GM eigentlich sei. Häufig wird GM synonym für Gleichstellungspolitik verwendet. Auch in pädagogischen Einrichtungen stößt man auf ein diffus-uneinheitliches Verständnis darüber, was die GM in Strategie und Zielen beabsichtige. Wer auf die absurden und verstiegenen Thesen der Gender Theorien verweist und das Konzept von GM in der Pädagogik hinterfragt, bekommt nicht selten irritierte Rückmeldungen: GM sei doch gut, weil es die Interessen von Jungen und Mädchen berücksichtige und geschlechtsspezifisch arbeitete. Im schulischen Kontext wird GM oft als „geschlechtergerechte Pädagogik“ bezeichnet, die die unterschiedlichen Begabungen und Entwicklungen von Jungen und Mädchen berücksichtige und die Schüler, etwa bei bestimmten Aufgaben, auch nach Geschlechtern trenne. Doch den Vertretern der Gender-Theorien ist solche Pädagogik ein Dorn im Auge, das Gegenteil dessen, was sie wollen und was im GM umgesetzt werden soll. Im „Gender-Manifest“, einer proklamatischen Schrift der Gender-Bewegung, heißt es deutlich, dass man ein Denken „in biologisierender Dualität und schematischer Mann-Frau-Differenz“ ablehnt: „Eine solche biologische Fundierung von Gender läuft mithin der Grundidee des Gender-Begriffs zuwider.“ 2 Genderorientierte PädagogikWie lässt sich nun eine „genderorientierte Pädagogik“ realisieren? Wie lassen sich „hierarchische und stereotype“ Vorstellungen aufbrechen? Der Weg dahin führt über die Gender-Theorien, die einige Vertreter der Genderperspektive gern auch als „Verunsicherungswis-senschaft“3 bezeichnen. Bewusstes Ziel der Gendertheorien ist es, die Vorstellung, der Mensch gehöre konstant einem von zwei Geschlechtern an, zu veruneindeutigen und Menschen dadurch zu verunsichern. Insofern kann man die „genderorientierte Pädagogik“ durchaus als Verunsicherungspädagogik bezeichnen. Ziel ist es, „Ordnungskategorien in Frage zu stellen und ihnen ihre Selbstverständlichkeit zu nehmen.“ 4 Das Geschlecht soll dekonstruiert, das heißt auseinander genommen werden. Wie soll das in den Bildungseinrichtungen, im Unterricht geschehen? Hinterfragen der Zweigeschlechtlichkeit durch die Thematisierung einer VielgeschlechtlichkeitSchüler werden damit konfrontiert, dass es heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder transsexuell empfindende Menschen gebe. Sie werden dazu ermutigt, sich einer dieser Kategorien zuzuordnen, deren Normalität nicht mehr in Frage zu stellen sei. Ein Hinterfragen der Homosexualität wird mit dem Begriff „Homophobie“ (irrationale Angst vor Homosexualität) und der Transsexualität mit „Transphobie“ (irrationale Angst vor Transsexualität) etikettiert. So traten zum Beispiel in Berlin ab dem Schuljahr 2006/2007 neue Rahmenlehrpläne für die Jahrgangsstufe sieben bis zehn in Kraft. Danach sollen in den Fächern Bildende Kunst, Biologie, Fremdsprachen, Philosophie, Geschichte, Sozialkunde und Sport diese Inhalte vermittelt werden. 5 Schon bevor es offizielle Richtlinien zur Umsetzung von Gender Mainstreaming gab, wurden von verschiedenen Ländern, Bund, Gewerkschaften und Initiativen Informationen und Materialien zu den genannten Lebensweisen jenseits der Heterosexualität angeboten. Darin heißt es, dass andere sexuelle Lebensformen als ebenso gut und ebenso erstrebenswert den Schülern nahegebracht werden müssten. Diese Materialien haben durch die offizielle Einführung von Gender Mainstreaming eine ganz neue Legitimation erhalten. Das Hinterfragen der NaturhaftigkeitUm die Naturhaftigkeit von Geschlecht – das heißt die Zugehörigkeit des sozialen zum biologischen Geschlecht – zu hinterfragen, will GM in einem methodischen Dreischritt, der systematisch angewendet werden soll, vorgehen: Konstruktion – Rekonstruktion – Dekonstruktion von Geschlecht. Im bereits genannten Gender-Manifest heißt es in Bezug auf die Umsetzung: „Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit als solche benennen. Geschlechterunterscheidungen rekonstruieren statt Geschlechtsunterschiede anzunehmen. Das historische, kulturelle und das politische Geworden-Sein von Gender nachzeichnen. Das Genderkorsett aufbrechen Gender dekonstruieren und damit Spielräume für vielfältige geschlechtliche Existenz- und Lebensweisen eröffnen.“ 6 Wandelbarkeit von Geschlecht darstellenAm Beispiel der Transsexualität soll Schülern gezeigt werden, dass Geschlecht grundsätzlich auch wandelbar sei. Ein Mann muss nicht immer ein Mann bleiben. Eine Frau kann zu einem Mann werden. Das biologische Geschlecht – so beweisen transsexuell empfindende Menschen angeblich – ist nicht bestimmend für das soziale Geschlecht. Im Gegenteil: Das biologische Geschlecht kann dem „empfundenen“ Geschlecht angepasst werden. Ebenso wirksam sei die Darstellung einer Wandlung von einer heterosexuellen hin zu einer homosexuellen beziehungsweise bisexuellen Orientierung. Laut Gendertheorien müsste zumindest theoretisch eine Veränderung von einer homosexuellen hin zu einer heterosexuellen Orientierung auch möglich sein, da diese Theorien von einer Plastizität und Wandelbarkeit der Geschlechtsidentität ausgehen. In der Praxis stellt dieser Weg einen politisch inkorrekten Schritt dar, der – so wird behauptet –, falls er erwünscht sei, automatisch zu weiteren psychischen Schäden oder zum Suizid führe. Bekämpfen von „Geschlechterstereotypen“Eine subtilere Variante der Veruneindeutigung von Geschlecht sind Programme zum Bekämpfen sogenannter „Stereotypen“. So hält es zum Beispiel der Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter des Europäischen Parlaments „für notwendig, Botschaften, die Geschlechterstereotype aus Lehrbüchern, Spielzeug, Unterhaltungssendungen im Fernsehen und Fernsehwerbung vermitteln, zu beseitigen (...)“ 7 In der Schule sollen die Lehrkräfte das, was Mann oder Frau „typischerweise“ charakterisiert, mit bewusst untypischen Beispielen hinterfragen und dekonstruieren. Man solle, so heißt es, die „Geschlechterordnung (dosiert) irritieren, statt von ‚weiblichen’ und ‚männlichen’ beziehungsweise‚ geschlechtsspezifischen’ Verhaltensweisen sprechen.“ 8 In letzter Konsequenz bedeutet das die Leugnung einer spezifischen Vater- und Mutterrolle. Die britische Regierung hat bereits „Mama“ und „Papa“ für politisch unkorrekt erklärt und empfiehlt, in den Schulen nur noch von „Elternteilen“ zu reden. 9 Gender als Antwort auf die geschlechtliche Entwicklung Jugendlicher?Wichtige Schritte in der Geschlechts- und Identitätsentwicklung werden durch das GM im Kern hinterfragt, indem – wie bereits dargestellt – die Vielgeschlechtlichkeit, die Wandelbarkeit und die Inkonsistenz von Geschlecht in der pädagogischen Arbeit als selbstverständlich und vorgegeben vermittelt werden sollen. Irrelevanz des KörpersDie Gendertheorien sprechen davon, dass der Körper bedeutungslos sei. Geschlechtliche Identität sei vom Körper ablösbar und mit beliebig verschiedenen Identitäten (hetero-, homo-, bi-, transsexuell etc.) belegbar. Jugendliche hingegen erleben die faktischen, körpergebundenen Prozesse als sehr real und nicht als theoretisch abkopplungsfähig. Eine reife Entwicklung zum Mann- und Frausein fordern eine Übereinstimmung zwischen Geschlecht, Identität, Selbst- und Fremdwahrnehmung. Kampf gegen StabilitätDie Gender-Theorien beharren nicht nur auf einer Irrelevanz des Körpers, sondern stehen auch „im Kampf gegen diese Vorstellungen von Stabilität“ 10, dass die Identität des Menschen als entweder nur Mann oder nur Frau dauerhaft gegeben sei. Jeder Versuch, die Geschlechter auf zwei, nämlich auf Mann und Frau, zu begrenzen und damit auch eine Zuordnung von Mann und Frau zueinander als gegeben anzusehen, wird mit den Begriffen Heterosexismus, Zwangsheterosexualität, Heteronormativität oder somatischer Fundamentalismus beschimpft. Beliebigkeit der IdentitätGender Theorien geht es vorwiegend um die Frage „Wie werden wir zu Männern oder Frauen gemacht?“ und wie kann dieser Prozess vermieden bzw. rückgängig gemacht werden. Gender Mainstreaming fordert eine Diffusion von Identität und Geschlechtlichkeit. Ferner wird vor allem von der Negation her argumentiert: Mann- oder Frausein ist nicht ... und so weiter. Männer und Frauen sind nicht gleichIm Zusammenhang mit GM taucht als durchgängiger Slogan der Satz auf „Männer und Frauen sind gleich“. Er ist sachlich falsch und ignoriert die Beobachtungen und Erfahrungen des Alltags. Mädchen und Jungs erleben sich gerade nicht als gleich, sondern in bestimmten Phasen als sehr unterschiedlich. Männer und Frauen sind gleichwertig, aber nicht gleich. Geschlechtergerechte PädagogikZur Frage nach einer angemessenen Antwort auf die Gender-Pädagogik schreibt Wolfgang Tischner, Professor für Pädagogik und Sozialpädagogik: „Leitlinie für pädagogisches und bildungspolitisches Handeln sollte weder die Idee der Gleichbehandlung noch die Strategie des Gender-Mainstreamings sein, sondern das Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit.“ 11 Eine Pädagogik, die wirkliche Geschlechtergerechtigkeit will, nimmt das Geschlecht als etwas Gegebenes wahr, es nimmt Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen wahr, deutet, wertschätzt und integriert sie konstruktiv. Bei diesem Ansatz geht es um den ganzen Menschen, Körper („sex“) und Geschlechtsidentität („gender“) gehören untrennbar zusammen. Das jüdisch-christliche Menschenbild, das von einer Ganzheitlichkeit des Menschen ausgeht und eine Wertschätzung der Unterschiedlichkeit von Mann und Frau einfordert, ist ein Deutungshorizont, der Jugendlichen Sinn macht. Es betont gerade die Verwiesenheit der Geschlechter auf einander. Mann und Frau sind wechselseitig konstitutiv, denn die Existenz des einen weist auf die Existenz des anderen hin. Es ist ein Menschenbild, in dem die Weitergabe des Lebens als wichtige Aufgabe des Menschen gesehen wird. Gleichzeitig ist die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen in besonderer Weise Hinweis auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen. Wertschätzung des GeschlechtsMänner und Frauen sind nicht „gleich“, sondern „gleichwertig“. Die Wertschätzung der Unterschiedlichkeit muss eingeübt werden. Die Wertschätzung des anderen Geschlechts muss mit der Wertschätzung der eigenen Geschlechtszugehörigkeit und der Festigung der eigenen geschlechtlichen Identität beginnen. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl tendieren dazu, auch andere Menschen abzuwerten. Menschen mit einer gefestigten Identität können den „ganz Anderen“ – auch das andere Geschlecht – stehen lassen und wertschätzen. Die konstruktive Antwort auf die Forderungen von GM kann nur eine ganzheitliche Integration der verschiedenen Aspekte von Persönlichkeit sein. Die Einbeziehung von Körper (Leiblichkeit), Identität, Gefühl, Beziehung, Verstand, Kultur und Religion im Zusammenhang gibt ein sinnstiftendes und konstituierendes Moment in der Identitätsentwicklung. Die körperlichen Entwicklungsprozesse verstehenDer Ausgangspunkt der geschlechtlichen Identität ist und bleibt der Körper, der das Erscheinungsbild als Mann oder Frau bestimmt. Mit der Pubertät gerät der selbstverständliche und unbefangene Umgang mit dem Körper der Kindheit in eine Krise, da er einem radikalen Wandel unterliegt. Die äußere Gestalt verändert sich, der Körper beschleunigt sein Wachstum und gleicht sich immer mehr der Gestalt einer erwachsenen Frau beziehungsweise eines Mannes an. Körpereigene Hormone entfalten ihre Wirkung, die unter anderem dazu beitragen, dass Jungen ihren ersten Samenerguss und Mädchen die erste Regelblutung erleben. In der Übergangsphase vom Kind zum Erwachsenen tun sich Jugendliche schwer mit der Integration ihrer körperlichen Veränderungen. Hier kann eine konstruktive Pädagogik helfen, dies zu verstehen. Ein positiver und wichtiger Entwicklungsschritt, der in der gängigen Sexualaufklärung leider häufig vernachlässigt wird, ist das Erkennen der eigenen Fruchtbarkeit als eine wichtige Dimension des Menschseins. Das Wissen darum prägt das Verantwortungsbewusstsein und Handeln im Bereich der Sexualität deutlich nachhaltiger als das einfache Vermitteln von Verhütungswissen oder ein Moralisieren. Identitätsentwicklung fördernSteht bei der körperlichen Veränderung die Frage: Was passiert mit mir? im Raum, so steht bei der Identitätsentwicklung die Frage: Wer bin ich? im Vordergrund. Die Jugendlichen erleben nun, dass sie mit ihrem veränderten Erscheinungsbild als Menschen mit sexueller Ausstrahlung wahrgenommen und angesprochen werden. Sie vergleichen sich vermehrt mit Gleichaltrigen und Vorbildern des gleichen Geschlechts und testen, wie sie auf das andere Geschlecht wirken. Zur Entwicklung einer reifen Identität bedarf es einer Auseinandersetzung mit dem Frau- beziehungsweise Mannsein. Hierbei ist es hilfreich, jungen Menschen die Freude am Mann- beziehungsweise Frausein zu vermitteln und ihnen zu helfen, darin zu wachsen. Dazu brauchen sie greifbare und befragbare Vorbilder des gleichen und des anderen Geschlechts. Gefühle artikulierenZu einer reifen Persönlichkeit als Mann oder Frau gehört die Fähigkeit, eigene Gefühle angemessen zum Ausdruck zu bringen. Das massenmediale Bombardement mit Bildern und Inhalten des Begehrens überlagert häufig das eigene Gespür für das Eigentliche im Leben und für die eigene Sehnsucht. Der Erwerb einer Sprachfähigkeit, die dem Jugendlichen hilft, seine innere Welt und das, was von außen auf ihn einströmt, voneinander zu unterscheiden und in Worte zu fassen, ist ein wichtiger Baustein in der Identitätsentwicklung. Beziehungsfähig machenJugendliche haben eine Sehnsucht nach dauerhafter und stabiler Beziehung, die später häufig in eine Ehegemeinschaft und Familiengründung mündet 12. Es ist wichtig, sie in dieser Sehnsucht zu stärken und sie zu befähigen, reife Beziehungen zu Angehörigen des eigenen und des anderen Geschlechts altersgemäß zu gestalten. Lebensumfeld und LebenskulturEine ausgewogene Persönlichkeitsstruktur kann mit kulturellen Einflüssen angemessen umgehen. Jugendliche brauchen eine Anleitung, um mit den negativen und positiven Erwartungshaltungen ihres Umfeldes umgehen zu können. Eine Erwartungshaltung des Umfelds wäre zum Beispiel „Mit 14 Jahren muss man schon Sex gehabt haben.“ Hier brauchen Jugendliche den Gesprächsraum, um den Druck, der dadurch erzeugt wird, benennen zu können. Sie brauchen eine Pädagogik, die sie von diesem Druck entlastet und ihnen glaubwürdig vermittelt, dass es sich lohnt, zu warten und andere Bereiche der Persönlichkeit zu entwickeln. Werte- und WillensbildungIn der Pubertät befinden sich Bereiche im Gehirn (Stirnlappen) in einer fundamentalen Umbruchsphase. Dadurch wird vermehrt abstraktes und multidimensionales Denken im Sinne von: „Was wäre wann?“ möglich. Zuvor gültige Überzeugungen, Vorstellungen, kulturelle Erwartungen und Werte werden kritisch hinterfragt und überprüft. Jugendliche fragen sich, wer sie selbst als Erwachsene einmal sein wollen und was sie dafür tun können, um so zu werden. Jugendliche begleitenEine Pädagogik, die Jugendliche auf ihrem Weg zu reifen Erwachse-nen begleiten möchte, wird jungen Männern und Frauen in der Adoleszenz helfen zu lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Jugendliche können ihren Willen steuern lernen, unterscheiden lernen und Entscheidungen treffen lernen. Hier gilt es, den Verstand zu schulen und Jugendlichen das Potential ihres eigenen Willens aufzuzeigen. Sie lernen, zielgerichtet zu entscheiden und dass sie Verantwortung für sich und andere tragen. Wie sich die einzelnen Anforderungen praktisch umsetzen lassen, dafür bietet zum Beispiel das sexualpädagogische Programm „TeenSTAR“ einen inspirierenden und hilfreichen Zugang. TeenSTAR ist ein Programm für Jugendliche und inzwischen in 40 Ländern weltweit vertreten (Siehe unter www.teen-star.de). Wie die Identität selbst formen?Mehr denn je sind Jugendliche darauf angewiesen, ihre Identität in eigenständiger und individueller Weise zu finden – auch geschlechtliche Identität. Eine enttraditionalisierte Gesellschaft ohne verbindliche Leitlinien fordert sie heraus, ihre Identität selbst zu formen. In dieser faktischen „Un-Ordnung“ suchen und brauchen sie eine Orientierung und Ordnung für ihr eigenes Leben. Die konsequente Umsetzung der Gendertheorien führt jedoch wohl in die entgegengesetzte Richtung zu dem, was Jugendliche brauchen. Zur Lösung der Geschlechterfrage bietet GM die Dekonstruktion von Mann- beziehungweise Frausein, Instabilität und eine Orientierung an der Beliebigkeit. Es stellt sich die Frage, ob Gender Mainstreaming nicht gerade das provoziert, was es bekämpfen will? Wo Stabilität und „Stereotypen“ lediglich vermieden oder abgebaut werden (sollen), entsteht unweigerlich ein Deutungsvakuum von Mann- und Frausein: Das Vermeiden von Stereotypen trägt an sich noch zu keiner Identitätsbildung bei! Identität ist nicht in erster Linie, was man nicht ist, sondern was man ist und werden möchte. Zu fragen wäre weiter: Provoziert diese „Geschlechtsidentitäts-Leere“ nicht gerade eine umso hastigere Suche nach Stabilität? Greifen die Suchenden nicht womöglich schnell nach morschen, aber griffigen „Krücken“, nach Schablonen und Mustern aus dem trivialen, massenmedialen Angebot von Frau- und Mannsein? Entstehen so nicht viel stärkere „Stereotypen“, wodurch sich die Gender-Theoretiker und Gender-Mainstreamer nur noch mehr bestätigt fühlen und weitere Programme fordern und Gelder verschleudern? Verantwortungsträger, Eltern und Pädagogen sind gefragt, sich wieder neu herausfordern zu lassen und zu verstehen, was Mädchen und Jungen wirklich und wirksam gerecht wird. Die Stärkung von Identität auf der Wertegrundlage der jüdisch-christlichen Kultur ist eine gute Prophylaxe gegen jeden ideologisierten UnSinn. Diese Orientierungshilfe sind wir der „nächsten Generation“ im Sinne Bonhoeffers schuldig: „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.“ Anmerkungen1 Nina, Degele, Anpassen oder unterminieren: Zum Verhältnis von Gender Mainstreaming und Gender Studies. Quelle: www.soziologie.uni-freiburg.de/Personen/degele/ material/pub/anpassen.pdf, S. 9. 2 http://www.gender.de/mainstreaming/GenderManifest01_2006.pdf, S. 3 Zugriff: 05.03.2009. 3 vgl. Nina Degele: Gender/Queer Studies, a.a.O. S. 12. 4 Jutta Hartmann: Vielfältige Lebensweisen transdiskursiv. Zur Relevanz dekonstruktiver Perspektiven in Pädagogik und sozialer Arbeit. In: Jutta Hartmann (Hg.): Grenzverwischungen. Vielfältige Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationsdiskurs. Innsbruck 2004, 18. 5 www.berlin.de/imperia/md/content/lb_ads/gglw/themen/rahmenlehrplaene06.pdf Zugriff: 24.02.2009 6 http://www.gender.de/mainstreaming/GenderManifest01_2006.pdf, S. 4 Zugriff: 05.03.2009. kursiv im Original 7 Ebd., S. 5 8 http://www.gender.de/mainstreaming/GenderManifest01_2006.pdf, S. 4 Zugriff: 05.03.2009. 9 http://www.lifesitenews.com/ldn/2008/jan/08013008.html Zugriff: 24.02.2009 10 Nina, Degele, Anpassen oder unterminieren: Zum Verhältnis von Gender Mainstreaming und Gender Studies. Quelle: www.soziologie.uni-freiburg.de/Personen/degele/material/pub/anpassen.pdf, S. 1. Zugriff: 2008 11 Wolfgang Tischner: Bildungsbenachteiligung von Jungen im Zeichen von Gender- Mainstreaming. In: Matzner, Michael und Tischner, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch Jungen-Pädagogik, Beltz-Verlag: Weinheim u. Basel, 2008, 343-363, S. 359. 12 Siehe http://www-sta-tic.shell.com/static/deu/downloads/aboutshell/our_commitment/shell_youth_study/2006/youth_study_2006_exposee.pdf Dieser Beitrag ist die leicht gekürzte Fassung eines Artikels im „Bulletin - Nachrichten aus dem Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“ Frühjahr 2009, Nr. 17 (www.dijg.de oder direkt unter www.dijg.de/fileadmin/dijg-uploads/pdf/bulletin_17_2009_mascher.pdf) |
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