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Leseprobe aus Das Fundament 6/2009

Wie sollen wir leben?


Warten auf die Wiederkunft von Jesus Christus



Wilfried Sturm, Jahrgang 1958, war nach dem Studium der Theologie in Krelingen, Tübingen und Erlangen vier Jahre Vikar und Pfarrvikar in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg; seit 1988 ist er Dozent für Dogmatik und Ethik am Theologischen Seminar der Liebenzeller Mission. Er hielt diesen biblischen Vortrag über Römer 13, 8 - 14 auf der Regionaltagung 2008 in Sulzbürg. Der lebendige Vortragsstil ist beibehalten.

Er hatte eine fromme Mutter, so dass er schon als Kind von Jesus hörte. Das hat ihn nicht mehr losgelassen. Auch dann nicht, als er eintauchte in die Welt der Philosophie. So sehr sie ihn faszinierte, so sehr störte es ihn, dass der Name Jesus dort überhaupt nicht vorkam. Ähnlich erging es ihm, als er sich auf seiner leidenschaftlichen Suche nach der Wahrheit einer Sekte anschloss. Sie konnte ihn auf die Dauer nicht befriedigen. Ihre Lehre hatte für ihn - so drückte er es später aus - „nicht den Geschmack des Wesens Christi“.

Schließlich beschäftigte er sich mehr und mehr mit dem christlichen Glauben. Er war dann auch bereit, sich taufen zu lassen. Aber er hatte nicht die Kraft, mit seinem alten Leben zu brechen. Da war auf der einen Seite sein Streben nach Ansehen und Reichtum, das ihn gefangen hielt. Da war auf der anderen Seite sein Mangel an Selbstbeherrschung auf sexuellem Gebiet. Er sehnte sich nach Veränderung seines Lebens und hatte doch Angst davor. Er hatte Angst, Gott könnte ihm das nehmen, worauf er glaubte, nicht verzichten zu können. Bezeichnend ist das Gebet, das er als Heranwachsender betete: „Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, nur gib sie nicht schon jetzt!“ Später hat er geschrieben, er sei damals wie ein Mensch gewesen, der am Aufwachen ist und auch aufwachen will, aber es gelingt ihm nicht, die Schläfrigkeit abzuschütteln.



Wendepunkt



Und doch kam es dann zu einer Wende in seinem Leben. Es war in einem Garten. Voller Verzweiflung über seine innere Zerrissenheit hatte er sich unter einem Feigenbaum auf den Boden geworfen. Dort schrie er zu Gott: „Herr, wie lange noch?“ Da hört er, wie ein Kind im Nachbarhaus singt. Es muss wohl ein Kinderlied gewesen sein. „Nimm es, lies es! Nimm es, lies es!“ Für den Mann unter dem Feigenbaum ist das wie eine Stimme Gottes. Er nimmt seine Bibel, schlägt sie auf und liest die beiden Verse, auf die als erstes sein Blick fällt. Diese beiden Verse schlagen bei ihm ein wie ein Blitz, und sie geben seinem Leben eine neue Richtung.

Vielleicht haben Sie gemerkt, von wem ich rede. Ich rede von einer der bekanntesten Gestalten der Kirchengeschichte, ich rede von dem Kirchenvater Augustin. Was waren das für Verse, die seinem Leben eine neue Richtung gegeben haben? Es waren zwei Verse aus dem 13. Kapitel des Römerbriefes. Ich lese uns Römer 13, die Verse 8 - 14: >i>„Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2. Mose 20, 13 - 17): ‚Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren’, und was da sonst noch an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19, 18): ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.’ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts."

Und nun die beiden Verse, die das Leben von Augustin veränderten: „Lasst uns ehrbar leben wie am Tag, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt."

Es geht in diesem Text um einen Dreischritt. Es geht um den Dreischritt: Aufstehen - Ablegen - Anziehen.



1. Aufstehen



Wir haben vorhin gehört, wie der Kirchenvater Augustin sich verglichen hat mit einem Menschen, der am Aufwachen ist, der aber noch so schlaftrunken ist, dass er die Augen nicht aufkriegt, geschweige denn einen Fuß aus dem Bett bringt. Frage: Was gibt einem Menschen die Kraft aufzustehen, auch wenn er noch müde ist, auch wenn die Nacht kurz war, auch wenn die Augenlider bleischwer sind? Es ist das Wissen, dass es Zeit ist. Wenn wir mitten in der Nacht aufwachen und dann auf die Uhr schauen und feststellen, es ist halb drei, dann werden wir uns auf die andere Seite drehen und froh sein, dass wir noch ein paar Stunden schlafen können.

Wenn jedoch der Wecker klingelt, dann wissen wir: Jetzt ist es Zeit zum Aufstehen. Jetzt kann ich es mir nicht mehr leisten, dass ich mich noch einmal auf die andere Seite drehe, sonst verpasse ich den Bus, sonst komme ich zu spät zur Arbeit, sonst schaffe ich nicht mehr das Pensum, das ich mir für den Tag vorgenommen habe.

Unser Text ist wie so ein Weckruf: „Es ist Zeit!“ Paulus schreibt: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.“ Noch ist es dunkel in dieser Welt. Aller Lichterglanz kann darüber nicht hinwegtäu-schen. Wir leben in einer Welt, die sich von Gott abgewandt hat, in einer Welt der Krankheit und des Todes, in einer Welt der zerbrochenen Beziehungen, in einer Welt der Gewalt.

Und es ist nicht so, dass uns diese Dunkelheit nichts anhaben könnte, dass wir dagegen „imprägniert“ wären. In irgendeiner Weise haben wir alle Anteil an der Dunkelheit dieser Welt.

Es ist schon einige Jahre her, da wurde in Israel eine fünfköpfige Familie durch ein Bombenattentat auf eine Pizzeria ausgelöscht. Bei der Beerdigung der Toten rief der israelische Oberrabbiner Meir Lau aus: „Wie lange noch?“ Vielleicht haben wir uns diese Frage auch schon gestellt. Wie lange soll es noch dunkel bleiben in dieser Welt?

Aber nun sagt uns Paulus: „Die Nacht geht zu Ende“, oder wie es Jochen Klepper in einem seiner Lieder ausgedrückt hat: „Die Nacht ist schon im Schwinden“. Es mag noch so dunkel sein in dieser Welt, noch so dunkel in unserem eigenen Leben - das ändert nichts daran, dass wir dem Tag entgegengehen, dem Tag der Wiederkunft Jesu Christi, dem Tag, an dem die Herrlichkeit Gottes über dieser Welt aufstrahlen wird wie die helle Morgensonne nach dunkler Nacht. Es ist der Tag, an dem Gott abwischen wird alle Tränen von unseren Augen. Es ist der Tag, an dem Gott Gerechtigkeit schaffen wird auf dieser Erde - nicht eine herbeigebombte Gerechtigkeit, sondern eine herbeigeliebte Gerechtigkeit. Es ist der Tag, an dem wir Gott frei in die Augen schauen dürfen, weil es kein Unrecht mehr gibt, das unser Verhältnis zu ihm trüben könnte.



Das Heil kommt näher



Wie real Paulus mit diesem Tag rechnet, das zeigt sich darin, dass er den Christen in Rom schreibt: „Unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.“ Paulus will damit sagen: Die 20 Jahre, die seit meiner Bekehrung vergangen sind, die haben mich um 20 Jahre dem Tag Gottes näher gebracht. Sicher kann man sagen: Was sind diese 20 Jahre im Vergleich zu den 2000 Jahren, die mittlerweile vergangen sind? Aber entscheidend ist nicht die Länge der Zeit, sondern dieses unaufhaltsame Näherrücken der Wiederkunft Jesu Christi.

Wie kann Paulus der Dunkelheit die Stirn bieten, wie kann er mit dieser Bestimmtheit und Gewissheit von dem kommenden Tag reden? Er kann es, weil er Jesus vor Augen hat, weil er den vor Augen hat, der im letzten Kapitel der Bibel von sich sagt: „Ich bin der helle Morgenstern.“ Der Morgenstern ist der Stern, der den neuen Tag ankündigt. Indem Jesus Mensch wurde, indem er den Weg ans Kreuz ging, indem er am Ostermorgen auferstand, ist er über dem Dunkel dieser Welt aufgegangen als der helle Morgenstern. Jochen Klepper hat es so formuliert:

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen,
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

Weil Jesus am Kreuz unsere Schuld getragen hat, weil er mit seinem Sterben alles weggenommen hat, was uns von Gott und seinem Licht trennt, darum ist er der helle Morgenstern, der auch unsere Herzen hell und froh machen will.

Was heißt nun aufstehen? Aufstehen heißt, dass wir uns nicht mehr abfinden mit dem Dunkel in dieser Welt und in unserem eigenen Leben, dass wir uns auch nicht mehr niederdrücken lassen von dem, was uns an Sünde und Schuld bewusst ist. Aufstehen heißt, dass wir unseren Blick ausrichten auf Jesus, den hellen Morgenstern, so wie es Jochen Klepper in einem anderen Lied sagt:

Sieh nicht, wie arm du Sünder bist,
der du dich selbst beraubtest.
Sieh auf den Helfer Jesus Christ!
Und wenn du ihm nur glaubtest,
dass nichts als sein Erbarmen frommt
und dass er dich zu retten kommt,
darfst du der Schuld vergessen,
sei sie auch unermessen.

Mit dem Aufstehen verbunden ist das Zweite:



2. Ablegen



Ich denke hier unwillkürlich an diese humorvolle Geschichte aus früherer Zeit, die man sich von einem Pfarrer erzählt. Offensichtlich war dieser Mann nicht gerade ein begabter Redner. Jedenfalls litt er darunter, dass viele seiner Zuhörer während seiner Predigten einschliefen. Alles Mögliche ließ er sich einfallen, um die Leute wach zu halten, aber es war vergeblich. Doch dann, an einem Sonntag, erlebte er eine große Überraschung. Er betrat die Kanzel und sah, wie alle Blicke gespannt auf ihm ruhten. Noch nie hatte er eine solche Aufmerksamkeit erlebt. Und die Aufmerksamkeit hielt an, die ganze Predigt hindurch. Keiner schlief ein. Überglücklich verließ er die Kanzel. Als er jedoch nach dem Gottesdienst die Sakristei betrat, da zupfte ihn der Messner, der Kirchdiener, am Ärmel und führte ihn vor den Spiegel. Und da entdeckte der Pfarrer zu seinem Schrecken, dass er an diesem Morgen vergessen hatte, seine Bettmütze abzunehmen.

Bettmütze und Morgensonne, Nachtgewand und helllichter Tag - das passt nicht zusammen. Das gilt auch für unser geistliches Leben. Paulus schreibt: „Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage.“ Mit anderen Worten: Lasst uns so leben, dass wir das Licht des kommen-den Tages nicht scheuen müssen.

Paulus wird an dieser Stelle ganz konkret: „Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht.“ Vielleicht hatte Paulus dabei die Zustände in Rom vor Augen, wo Schlemmereien und Trinkgelage an der Tagesordnung waren, wo man sich so raffinierte Gaumengenüsse wie Papageienleber und Flamingozunge leistete, wo auf Festen die Schamgrenzen niedergerissen wurden, wo der Ehebruch als Vergnügen galt und nach zeitgenössischen Berichten die Zeitungen (die so genannten „acta“) voller Scheidungsnachrichten waren, wo Kaiser wie Tiberius, Caligula oder Nero den homosexuellen Umgang mit Jugendlichen und jungen Männern buchstäblich hoffähig machten, wo Intrigen und rücksichtsloses Machtstreben das gesellschaftliche und politische Klima vergifteten.



Lebenshaltung



Nun dürfen wir allerdings nicht bei diesen Einzelheiten stehen bleiben. Es geht hier nicht um einen Sündenkatalog, sondern um eine Lebenshaltung - um eine Lebenshaltung, die geprägt ist von Genusssucht, Unbeherrschtheit und Egoismus. Diese Lebenshaltung beginnt nicht erst mit dem Verzehr von Papageienlebern und Flamingozungen, sie beginnt dort, wo der Lebensgenuss zum Lebensinhalt wird. Eine solche Lebenshaltung gedeiht dort, wo man nichts weiß oder vielleicht auch nichts wissen will von dem kommenden Tag Gottes. Sie gedeiht dort, wo man nicht lebt in der Erwartung der Wiederkunft Jesu Christi, sondern wo man fixiert ist auf dieses irdische Leben. Paulus schreibt: „Wenn die Toten nicht auferstehen, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“ (1. Korinther 15, 32).

Wo man nicht rechnet mit dem kommenden Tag Gottes, da gewinnt der Lebensgenuss religiöse Züge: Da wird der Konsum zur Ersatzreligion, da wird das Kaufhaus zum Tempel, da wird die Körperpflege zum Körperkult, da wird die Liebe vergöttlicht, da wird sexuelle Freizügigkeit zum Evangelium. Vor allem aber: Wo man fixiert ist auf dieses irdische Leben, da ist man fixiert auf die eigene Person. Man wird rechthaberisch und streitsüchtig, man hat keinen Blick mehr für die Bedürfnisse anderer, sondern dreht sich nur noch um sich selbst.

Vor einiger Zeit waren wir beim Notar. Als wir draußen auf dem Flur warteten, bekamen wir mit, wie er zwei Besucher verabschiedete, und wir hörten, wie er zu ihnen sagte: „So geht es nicht weiter. Solange jeder von ihnen darauf beharrt, dass er alles richtig gemacht hat, dass er keinen Fehler gemacht hat, kommen wir nicht vorwärts. Ich gebe Ihnen jetzt eine Hausaufgabe. Bis zum nächsten Mal überlegen Sie sich: Wo bin ich schuldig geworden am andern, wo habe ich einen Fehler begangen?“

Ist es nicht oft so? Man beharrt auf seinem vermeintlichen Recht, man will nicht zugeben, dass man selber auch Fehler gemacht hat und schuldig geworden ist, und so schwelt der Streit weiter und kommt zu keinem Ende.

Paulus sagt: „Legt diese Dinge ab!“ Sie passen nicht zu Menschen, die dem Licht entgegengehen. Die Frage ist: Was ziehen wir stattdessen an? Damit kommen wir zum dritten Schritt:



3. Anziehen



Was setzt Paulus dieser Lebenshaltung der Genusssucht, der Unbeherrschtheit, des Egoismus entgegen? Wir würden jetzt vielleicht eine Liste mit alternativen Verhaltensweisen erwarten: Statt Schlemmereien und Trinkgelagen maßvoller Genuss von Speisen und Alkohol, statt sexueller Freizügigkeit Verantwortung und Treue, statt Streit und Eifersucht Bereitschaft zur Versöhnung.

Aber Paulus setzt dem allen, was wir ablegen sollen, nur eines entgegen: „Zieht an den Herrn Jesus Christus!“ Paulus macht damit deutlich: Es geht hier nicht um einen moralischen Appell. Wenn es nur um einen moralischen Appell ginge, dann hätte es nicht Weihnachten werden müssen. Weihnachten heißt, dass Jesus Mensch geworden, dass er sich mit uns Menschen verbunden hat und dass ich mich nun auch mit ihm verbinden darf.

Augustin hat Jesus zunächst als Vorbild und Lehrer gesehen. Bis ihm dann klar wurde, was es bedeutet, dass Jesus Mensch geworden ist. Er drückte es so aus: „Der Sohn Gottes hat das Menschsein angenommen ... Das ist die Arznei für uns Menschen, eine Arznei, wie sie wirksamer nicht gedacht werden kann. Völlig unheilbar müsste ein Hochmut sein, der an der Demut des Gottessohnes nicht genesen würde, völlig unheilbar eine Habsucht, die die Armut des Gottessohnes nicht heilen könnte, völlig unheilbar ein Zorn, der sich an der Geduld des Gottessohnes nicht brechen würde.“

„Zieht an den Herrn Jesus Christus!“ Es gibt ein Liebesgedicht aus dem alten Ägypten, da heißt es: „Ich möchte sein ein altes Kleid der Geliebten.“ Hinter diesem Wunsch steckt die Sehnsucht nach Nähe. Wenn Paulus uns auffordert: „Zieht an den Herrn Jesus Christus“, dann geht es darum, dass wir die Nähe Jesu suchen, dass wir uns auf das Engste verbinden mit ihm.



Kleider entscheiden



Sie kennen wahrscheinlich alle das Sprichwort: „Kleider machen Leute“. Vielleicht kennen Sie auch die gleichnamige Geschichte von Gottfried Keller. Da geht es um einen armen Schneidergesellen, der seine Arbeitsstelle verloren hat und nichts mehr besitzt als einen kostbaren Mantel. Als er auf der Landstraße unterwegs ist, wird er von einer herrschaftlichen Kutsche, die gerade leer ist, mitgenommen. Wie er nun in der nächsten Ortschaft in seinem vornehmen Mantel aus der herrschaftlichen Kutsche steigt, wird er für einen Grafen gehalten. Er wird fürstlich bewirtet, man reißt sich darum, ihn einzuladen. Aber nachts liegt der Schneidergeselle schlaflos im Bett. Er weiß ja, dass er unter seinem vornehmen Gewand der arme Schneidergeselle geblieben ist. Und schließlich kommt es dann auch heraus, wer er wirklich ist.

Ganz anders ist es, wenn wir Christus anziehen. Da gilt wirklich: „Kleider machen Leute.“ Christus anziehen, das ist mehr als ein christliches Mäntelchen. Christus anziehen, das heißt, dass wir es zulassen, dass er unser Leben formt und prägt.

Der Schweizer Pfarrer Walter Lüthi erzählt in einer seiner Predigten folgende Geschichte: Da beschließt ein Dorf, auf einem benachbarten Hügel ein Holzkreuz aufzurichten. Der Dorfschreiner wird mit der Anfertigung des Kreuzes beauftragt. Manche wundern sich, weil der Mann für seine Flüche und sein loses Reden bekannt ist, auch lässt seine Ehrlichkeit zu wünschen übrig. Wie dem auch sei, der Schreiner fertigt das in Auftrag gegebene Kreuz an. Nun ist der Bischof, der das Kreuz weihen soll, längere Zeit verhindert, und so steht das Kreuz einige Wochen lang in einer Ecke der Schreinerwerkstatt. Da geschieht auf einmal eine merkwürdige Veränderung mit dem Dorfschreiner. Sooft er das Kreuz in der Ecke stehen sieht, ist er wie gehemmt. Sein loses Mundwerk verstummt, die Flüche bleiben ihm im Halse stecken, und wenn seine Kumpane kommen und Lästerreden führen, dann kann es geschehen, dass er scheu zur Werkstattecke hinüberschaut, als wolle er sich dort entschuldigen.

Walter Lüthi kommentiert diese Geschichte mit folgenden Worten: „Wenn schon von einem Holz in der Werkstattecke eine derart umwandelnde Wirkung ausgehen kann, wie viel mehr vom lebendigen Christus, der einst an diesem Holz hing, aber nun nicht mehr daran hängt, der seit seiner Auferstehung täglich und stündlich bei uns ist!"

Paulus redet in unserem Text von der Liebe, die wir einander schuldig sind. Liebe kann man nicht befehlen. Liebe lässt sich aus einem Menschen nicht herauspressen. Aber gerade hier dürfen wir nun Jesus Christus anziehen, und das heißt, dass Jesus zwischen uns und dem andern steht. Christus anziehen, das heißt: Ich begegne dem andern durch Christus hindurch, nicht mit meiner Liebe, sondern mit seiner Liebe.

Ich will daher schließen mit einem Wort von Ludwig Hofacker. Er hat gesagt: „Sein Leben muss es tun, nicht mein Leben! Seine Liebe, nicht meine Liebe! Seine Geduld, nicht meine Geduld! Sein Gebet tut’s, nicht mein Gebet. Eines muss uns durchbringen: Dass ein Lamm ist, das auf die Welt kam und sich schlachten ließ für das Leben der Welt. Das muss uns durchbringen, nicht nur einmal, sondern alle Tage. Täglich muss man sich verlassen und das Leben in Christus suchen.“

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