
![]() Leseprobe aus Das Fundament 5/2009
Alvin J. Schmidt, Wie das Christentum die Welt veränderte, Leseprobe aus Kapitel 8: Die christlichen Wurzeln der Wissenschaft8.1 Wie der christliche Glaube Wissenschaft möglich machtEiner der zahlreichen Unterschiede zwischen dem christlichen Glauben und den heidnischen Religionen besteht darin, dass Ersterer, getreu seinem jüdischen Erbe, stets gelehrt hat, dass es nur einen Gott gibt und dass dieser Gott ein Vernunftwesen ist. Ohne diese christliche Grundannahme gäbe es keine Wissenschaft. Die moderne Wissenschaft wurde möglich, so Whitehead, durch die christliche „Auffassung von der Rationalität Gottes”.503 Wenn Gott ein rationales Wesen ist, kann dann der Mensch, der doch nach Gottes Bild erschaffen ist, nicht auch seinen Verstand einsetzen, um mit rationalen Methoden die Welt, in der er lebt, zu untersuchen? Diese Frage wurde bejaht, als christliche Philosophen die Rationalität mit der empirisch-induktiven Methode verknüpften. Einer von ihnen war Robert Grosseteste (ca. 1175 - 1253), ein englischer Philosoph, Naturforscher und Theologe (u.a. Kanzler der Universität Oxford und Bischof von Lincoln), der als Erster die induktive, experimentelle Methode vorschlug.504 In seine Fußtapfen trat sein Schüler Roger Bacon (1214 - 1294), ebenfalls ein Franziskanermönch, der betonte, dass „alle Dinge durch die Erfahrung verifiziert werden müssen.” 505 Bacon glaubte fest an die Wahrheit der Bibel, und als empirisch denkender Mensch betrachtete er die Bibel im Lichte des Verstandes und als durch die Erfahrung verifizierbar. Ein anderer Naturphilosoph dieser Zeit, ebenfalls ein Franziskaner, war Wilhelm von Ockham (William of Occam, 1285 - 1349), der ebenfalls argumentierte, dass Wissen induktiv zu gewinnen war. Fast 300 Jahre danach trieb ein anderer Bacon, Francis Bacon (1561 - 1626), die induktive Methode weiter voran, indem er differenzierte Experimente anstellte und sie protokollierte. Man hat ihn auch „den faktischen Erfinder der wissenschaftlichen Induktion” genannt. 506 Er betonte die sorgfältige Beobachtung der Phänomene und das systematische Sammeln von Information, um so den Geheimnissen der Natur auf die Spur zu kommen. 507 Seine wissenschaftlichen Interessen hielten ihn nicht davon ab, sich auch der Theologie zu widmen, und er schrieb auch Abhandlungen über die Psalmen und das Gebet. Mit der Einführung der durch rationale Verfahren gesteuerten empirischen Methode entfernten sich Grosseteste, Wilhelm von Ockham und beide Bacons ganz erheblich von der antiken Perspektive des Aristoteles (384 - 322 v. Chr.). Der Aristotelismus, der das Abendland fast 1500 Jahre lang beherrschte, sich weit von den Schriften des Aristoteles selbst entfernt hatte und zu einem dogmatischen System verhärtet worden war, ging davon aus, dass Wissen nur durch die deduktiven Prozesse des reinen Denkens erlangt werden konnte; die induktive Methode, die außer dem Denken das Arbeiten mit den Händen verlangte, war tabu – ganz in Übereinstimmung mit der in Kapitel 7 dargestellten Haltung, dass körperliche Arbeit nur Sklaven vorbehalten war. Auch unter den christlichen Mönchen, Naturphilosophen und Theologen war der Glaube an die deduktive Methode als einzige Möglichkeit zur Erlangung von Wissen weit verbreitet – bis Grosseteste, Ockham und Roger und Francis Bacon kamen. Doch auch noch nach diesen Pionieren der induktiven Methode hielt die Welt der Gelehrten in ihrer Mehrzahl an dem System der Aristoteliker fest. Eine zweite entscheidende Grundannahme im Christentum ist, dass Gott, der Schöpfer der Welt, dieser Welt als von ihr separate Person gegenübersteht. Die griechische Philosophie dagegen sah Gott als Intellectus (Nous), nicht als Person an und fasste ihn als letzte Ursache der Welt und als „unbewegten Beweger” auf. Im Hintergrund lebte die heidnische Vorstellung vieler Gottheiten weiter, die mit der Natur verschränkt oder verwoben seien – ein pantheistisches, panemanationistisches Weltbild. 508 Die Planeten zum Beispiel sollten eine ihnen innewohnende Intelligenz (anima) haben, die sie erst ihre Bahnen beschreiben ließ. Diese pantheistische Sicht der Planetenbahnen wurde erstmals von Jean Buridan (um 1300 - 1358) infrage gestellt, einem Philosophen an der Universität Paris. 509 Ebenfalls in Widerspruch zu der christlichen Sicht vom Schöpfergott „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde”, (1. Mose 1, 1) stand Aristoteles’ Theorie, dass die Welt ohne Anfang und unerschaffen war (siehe sein „Vom Himmel” 279 - 284). Die Urkirche hatte den Pantheismus verurteilt, doch während des ganzen Mittelalters waren die christlichen Naturphilosophen und Scholastiker blind für die pantheistischen Züge in der antiken Philosophie, die sie sich angeeignet hatten und mit der sie das Wesen der Welt zu erklären versuchten. Selbst als Roger Bacon und Wilhelm von Ockham mit der induktiven Methode aus der aristotelischen Schule ausgeschert waren, hielten die Naturphilosophen und Scholastiker weiter an ihr fest. Einige betrachteten die induktive Methode sogar als Irrlehre; der Franziskanerorden, zu dem Bacon selbst gehörte, warf ihn 1278 für 14 Jahre ins Gefängnis.510 Dieser anhaltende Widerstand gegen die induktive Methode und die Blindheit gegenüber dem antiken Pantheismus bedeutete einen ausgesprochenen Hemmschuh für den wissenschaftlichen Fortschritt, denn der Pantheismus ist seiner Natur nach forschungsfeindlich; er kann die wissenschaftliche Methode, die mit der Manipulation von Elementen im physischen Universum arbeitet, nur als gotteslästerlich betrachten, wohnt doch allem Physischen das Göttliche inne, und mit dem Göttlichen darf man nicht experimentieren. Erst in der christlichen Perspektive, die Gott und die Natur als voneinander getrennte Größen betrachtet, wird eine freie, experimentierende Wissenschaft überhaupt möglich. In den Worten von Kennedy und Newcombe: „Unter den Animisten in Zentral- oder Südafrika, aber auch in vielen anderen Kulturen hätte die moderne Wissenschaft nie entstehen können, weil diese Gesellschaften nie damit begonnen hätten, mit der Natur zu experimentieren; für sie enthielt alles – ob Steine, Bäume, Tiere oder was auch immer – die Geister diverser Götter oder Vorfahren.” 511 Wäre es durch Männer wie Grosseteste, Buridan, die Bacons, Wilhelm von Ockham und Nikolaus von Oresme sowie später Kopernikus, Vesalius, Kepler und Galilei, die ihre Bibel kannten und wussten, dass die Natur an sich nicht göttlich ist, nicht zu diesem Paradigmenwechsel vom Aristotelismus zur rational-induktiven Methode gekommen, es gäbe heute keine empirische Wissenschaft. Diese Pioniere sahen sich als Menschen, die versuchten, eine Welt zu verstehen, die Gott erschaffen hatte und die der Mensch sich „untertan” zu machen hatte (1. Mose 1,28). Dieser Paradigmenwechsel ist ein Beispiel mehr für das Positive, dem Fortschritt Dienende, das das Christentum der Welt gebracht hat. Man darf aber nicht verkennen, dass die experimentelle Naturwissenschaft, sobald sie die Verbindung zu einem lebendigen Gottesglauben verlor, auch problematische Folgen zeitigte und den Zusammenhang des Lebens zerstörte, bis zur heutigen ökologischen Krise. Große Naturforscher unserer Zeit sahen sich allerdings immer auf das Wunder der Schöpfung zurückverwiesen. Mit C.S. Lewis: „Ein wenig Wissenschaft entfernt von Gott, viel Wissenschaft führt zu ihm zurück”. Der Glaube an die Rationalität Gottes führte nicht nur zur induktiven Methode, sondern auch zu dem Schluss, dass das Universum von vernünftigen, der menschlichen Erkenntnis zugänglichen Gesetzen beherrscht wird. Diese Annahme ist ein absoluter Schlüssel für die wissenschaftliche Forschung, denn in einer heidnisch-polytheistischen Welt, deren Götter irrationale Akteure in einer irrationalen Welt waren, war an systematische Forschung nicht zu denken. Allein im christlichen Denken, das von der „Existenz eines einzigen Gottes, der das Universum erschaffen hat und lenkt”, ausgeht und davon, dass die Welt in ihrem Funktionieren festen, erkennbaren Gesetzen gehorcht,512 ist wissenschaftliche Forschung möglich. 8.2 Die Pioniere der Wissenschaft waren Christen„Vom 13. bis hinein ins 18. Jahrhundert”, schreibt Lynn White, „begründete jeder Wissenschaftler, der etwas auf sich hielt, seine Forschungstätigkeit mit religiösen Motiven.” 513 Wer die heutigen naturwissenschaftlichen Lehrbücher liest, käme kaum auf diese Idee, denn in ihnen erfährt man rein nichts mehr über den christlichen Glauben der Pioniere der Wissenschaft. Dies ist um so bedauerlicher, als dieser Glaube oft eine entscheidende Rolle in ihrer wissenschaftlichen Arbeit spielte. In der zweiten Hälfte dieses Kapitels möchte ich daher eine Reihe von Wissenschaftlern vorstellen, die gleichzeitig Christen und Wegbereiter ihrer wissenschaftlichen Disziplin waren. Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, sie alle zu nennen, aber die meisten der im Folgenden Genannten gehörten zu ihrer Zeit zur „Avantgarde” der Forschung … 8.5 Physik… Blaise Pascal (1623-1662) ist sowohl als Mathematiker und Physiker als auch als Christ bekannt geworden. Den Naturwissenschaftlern ist er aufgrund des sogenannten Pascalschen Gesetzes bekannt (es besagt, dass eine Flüssigkeit in einem Gefäß in alle Richtungen den gleichen Druck ausübt), für seine Theorie über die Messung des Luftdrucks auf unterschiedlichen Höhen, für die Erfindung der Injektionsspritze und der hydraulischen Presse, für die Konstruktion der ersten Rechenmaschine und für das Pascalsche Dreieck. Die Programmierer haben eine Computersprache nach ihm benannt, und die christliche Theologie kennt ihn als entschiedenen Verteidiger des Glaubens. In seinen „Pensées” schreibt er: „Es ist nicht nur unmöglich, es ist auch nutzlos, Gott ohne Jesus Christus zu kennen.” 553 William Thomson Kelvin (1824-1907), besser bekannt als Lord Kelvin, war einer der Begründer der Thermodynamik und entwickelte eine von der jeweiligen Substanz unabhängige Definition der Temperatur. Die absolute Temperatur wird heute nach der Kelvin-Skala angegeben. Als Christ sah Kelvin keinen Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft – eine Position, die bei denjenigen seiner Zeitgenossen, die von einem Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ausgingen, auf Widerspruch stieß. Kelvin sagte einmal: „Wer stark genug denkt, der wird von der Wissenschaft gezwungen werden, an Gott zu glauben.” 558 ... 8.8 SchlussDieses Kapitel begann mit der Behauptung, dass die moderne Wissenschaft ihre Wurzeln in der christlichen Theologie des Mittelalters hat. Wir haben daraufhin dargelegt, wie es die Werte des Christentums waren, die seinen gebildeten Anhängern (die man heute Wissenschaftler nennen würde) das nötige Weltbild und die Motivation zur Erforschung der Welt der Natur gaben, die für die Genese der neuzeitlichen Wissenschaft unumgänglich sind. Lassen wir zum Schluss dieses Kapitels Stanley Jaki noch einmal zu Wort kommen. Er schreibt, dass die alten Ägypter ihre gewaltigen Pyramiden und ein hoch entwickeltes Schriftsystem schufen, „aber wenn es um Quantitäten, Messungen und Berechnungen ging, die doch an sich leichter zu bewerkstelligen hätten sein müssen als die Umsetzung des gesprochenen Wortes in abstrakte Symbole, schafften sie keinen vergleichbaren Durchbruch. Die ägyptische Mathematik und Geometrie verharrte auf dem Niveau eines Hilfsmittels für den Alltag.” 589 Doch in den heutigen Schulen, Universitäten und Lehrbüchern erfährt man für gewöhnlich wenig bis nichts über die christlichen Wurzeln der modernen Wissenschaft. Diese Unterschlagung der christlichen Wurzeln begann im 18. Jahrhundert mit „der Hochzeit der Wissenschaft mit dem philosophischen Materialismus”.592 Mit der Zeit wurde sie institutionalisiert, so dass heute der Normalbürger nicht mehr weiß, dass praktisch alle Wissenschaftler (darunter ausgesprochene Pioniere) vom Mittelalter bis tief ins 18. Jahrhundert hinein gläubige Christen waren, die sich bei ihren Theorien von biblischen Grundsätzen und Prämissen leiten ließen. Diese Pioniere der Wissenschaft, auf deren Schultern die heutigen Forscher stehen, kannten und glaubten die Worte des Psalmisten: (Psalm 19, 1). Für sie war es undenkbar, ohne Gott auskommen zu wollen. Was Kepler sagte, war ihrer aller Motto: „Mit dem Glauben ist es mir ernst, mit ihm spiele ich nicht.” 593 Sie waren Lichtjahre entfernt von dem relativistischen Klischee des heutigen Postmodernismus, welches da lautet: „Was für dich wahr ist, muss es für mich nicht sein.” Für sie gab es nur eine Wahrheit, und ihr Urheber war Gott. Anmerkungen: 503 Whitehead, Wissenschaft und moderne Welt, S. 16. 504 Thomas Goldstein, Dawn of Modern Science: From the Arabs to Leonardo da Vinci (Boston: Houghton Mifflin, 1980), S. 171. 505 Roger Bacon, Opus majus, transl. Robert Belle Burke (New York: Russell and Russell, 1962), S. 584. 506 Magnus Magnusson (ed.), „Bacon, Francis, Baron Verulam of Verulam, Viscount St. Albans”, Cambridge Biographical Dictionary (New York: Cambridge University Press, 1990), S. 88. 507 Herbert Butterfield, The Origins of Modern Science, 1300-1800 (London: G. Bell and Sons, 1951), S. 79. 508 Stanley L. Jaki, The Savior of Science (Edinburgh: Scottish Academic Press, 1990), S. 41. 509 Butterfield, Origins of Modern Science, S. 7f. 510 Andrew Dickson White, Geschichte der Fehde zwischen Wissenschaft und Theologie in der Christenheit (übers. von C.M. v. Unruh, Leipzig: Theod. Thomas Verlag, o.J.), Bd. 1, S. 333. 511 D. James Kennedy und Jerry Newcombe, What If Jesus Had Never Been Born? (Nashville: Thomas Nelson, 1994), S. 95. 512 White, „Significance of Medieval Christianity”, S. 96. 513 Lynn White Jr., Dynamo and Virgin Reconsidered: Essays in the Dynamism of Western Culture (Cambridge, Mass.: MIT Press, 1968), S. 89. 553 Blaise Pascal, Über die Religion und über einige andere Gegenstände (Frank-furt/M: Insel Verlag, 1987), S. 241 (= Nr. 549). 558 Zitiert in: Kneller, Christianity and the Leaders of Modern Science, S. 38. 589 Jaki, Savior of Science, S. 23. 590 Ebd., S. 28. 591 Ebd., S. 33. 592 Jacques Barzun, From Dawn to Decadence: 500 Years of Western Cultural Life, 1500 to the Present (New York: Harper Collins, 2000), S. 365. 593 Zitiert in: Koestler, Die Nachtwandler, S. 281. |
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